CHILIADIS PRIMAE PARS PRIOR



EINLEITUNG

"Vnus vir, nullus vir. Sensus est nihil
egregium praestari posse ab vno homine
omni auxilio destituto" (Adag. 440)


Es gibt eingehende Studien zu Erasmus' Adagia: Margaret Mann Phillips'
berühmtes Werk The 'Adages' of Erasmus (Cambridge, 1964) ermittelt ein Bild
der Adagien im Zusammenhang mit Erasmus' Leben und seiner Zeit;
Theresia Payr bietet in ihrem Buch (Erasmus, Ausgewählte Schriften, 7. Band,
Darmstadt, 1971, pp. XI-XXXIII) eine hervorragende Zusammenfassung hin-
sichtlich der Adagia, aber für die Herausgeber der Adagia sind die Untersu-
chungen Prof. Dr. F. Heinimanns und Dr. E. Kienzles, deren Niederschlag
sich in den drei ASD Bänden1 findet, unentbehrlich. Ihr Verfahren ist
massgebend und exemplarisch. Die philologischen Aspekte der Adagia waren
noch nicht so umfassend behandelt worden als in ihren Adagien-Kommenta-
ren. Es ist also nicht erstaunlich, dass ich mich oft auf die drei betreffenden
Bände beziehen werde.

I. Von den Collectanea bis zu den Adagiorum Chiliades von 15362

Erasmus' erste Adagiensammlung, die Adagiorum Collectanea, die 1500 in Paris
bei Joh. Philippi erschien, kam bei dem Publikum gut an. Das Büchlein, das
820, später - seit der Edition von 1506 - 838 Adagia, d.h. Sprichwörter und
sprichwörtliche Redensarten, Metaphern und geflügelte Worte, umfasste,
wurde oft neu aufgelegt.3
    Erasmus erörtert in seinem Widmungsbrief (Ep. 126) an William Blount,
Lord Mountjoy, seinen 'Maecenas', mehrere Erwägungen bezüglich der
Adagia: er nennt seine Quellen,4 weist auf den Gewinn, den die Kenntnis der
Adagien bringt, hin; er erwähnt den Gebrauch der Adagien in den Werken
der antiken und christlichen Schriftsteller, Themen, die ihn auch später, als er
1508 sein Opus magnum vorbereitete, beschäftigen.
    Schon 1500 trug Erasmus sich mit einem Plan zu einer neuen, stark
erweiterten Fassung seiner Proverbiensammlung: "Video chiliades aliquot
futuras, verum duas duntaxat, aut tres ad summum centurias emittere est
animus" (Ep. 123, d.d. März 1500, ll. 13-14) und: "Concepi de facetiis,
prouerbiis sententiisque negocium. Degustamenta quaedam ad te dedi, quo-
rum plus tria milia me annumeraturum breui confido" (Ep. 125, d.d. Frühling
1500, ll. 39-41). Erasmus sammelte seitdem Materialien in Paris, und in
England, aber zumal, als er nach Italien gekommen ist, in Bologna (Nov.
1506-Nov. 1507) und während des Jahres 1508 in Venedig bei Aldus. Die
Sammlung wuchs auf mehr als dreitausend Sprichwörter an.5 Erasmus
berichtet uns in seinem berühmten Adagium 1001, Festina lente (LB II, 402
C-406 B) über seinen Aufenthalt in Venedig, über Aldus und die anderen
Glieder der Neacademia, den Betrieb der Druckerei und die griechischen
Quellen, die er heranziehen konnte: griechische Proverbiensammlungen,
Hesiodus, Plutarchus, Athenaeus, den Eustathiuskommentar zu Homer,
Aelius Aristides und Theocritus mit Schollen u.a.6 Binnen kurzem Zeitraum7
kamen die Adagiorum Chiliades, die nur entfernte Verwandschaft mit den
Collectanea aufweisen, zustande. Die Collectanea werden im vorliegenden Band
nur soweit berücksichtigt, dass im Kommentar zu den einzelnen Adagien
immer das Pendant - angenommen, dass es eines gibt - aus den Collectanea
erwähnt wird.8
    Man kann die spätere Entwicklung der Adagia, die einleitenden Briefe als
Ausgangspunkt nehmend, gut verfolgen. Das Widmungsschreiben an Wil-
liam Blount aus der Aldina von 1508, Ep. 211,9 wurde 1513 auch in der ersten
(nicht autorisierten) Frobenausgabe abgedruckt. Da es hier eine Piraten-
ausgabe betraf, gibt es selbstverständlich kein neues Vorwort von Erasmus
(später leitet er öfters eine neue Edition von neuem ein). Diese Ausgabe war
schnell vergriffen und Joh. Froben gelangte in den Besitz der erweiterten und
verbesserten Fassung der Adagia, die eigentlich für den Pariser Drucker
Badius bestimmt war.10 Ohne das Datum des einleitenden Briefes an den
Leser (Ep. 269, d.d. 5. Januar 1513) zu ändern, vertraute Erasmus den Druck
dieser neuen Auflage (und den aller künftigen Auflagen) Froben an. In der
Frobeniana von 1513 (mit dem Siglum s bezeichnet) war der lateinische und
besonders der griechische Text der Vorlage von 1508 an vielen Stellen
verbessert worden. In dem ersten autorisierten Frobendruck (B), dessen
Grundlage der Druck von 1513 war, sind viele Druckfehler verbessert und
ziemlich viele Übersetzungen den griechischen Zitaten hinzugesetzt worden,
so unterrichtet uns Erasmus in Ep. 269. Auch ist der Text um Zitate aus
"non passim obuiis" Autoren erweitert und sind neue Adagia nachgetragen
(pp. 30-31, ll. 209-223). Erasmus erzählt uns nicht, dass er in dieser Ausgabe
B (von 1515) den Charakter der Adagia verändert hat: er fügte umfangreiche,
zeitkritische Exkurse, in denen er Kritik an der Kirche und der Gesellschaft
seiner Zeit übte, hinzu, wie z.B. in Adag. 201.11
    Nach der Baseler Ausgabe von 1515 (B) kamen die Editionen C (1517/
1518), D (1520) und E (1523); für diese Ausgaben schrieb Erasmus kein
neues Vorwort. Erst in der sehr vermehrten Ausgabe F (1526) wurde Ep. 269
durch eine neue Einleitung ersetzt: Ep. 1659. Auch wenn Erasmus schreibt:
"In hoc argumenti genere corrigendi locupletandique nullus est finis" (p. 33,
ll. 268-269), verspricht der Drucker Froben auf dem Titelblatt dem Leser, die
vorliegende Edition sei die letzte: "Hanc supremam manum putato et securus
emito." In Widerspruch mit dieser Aussage erschien 1528 die verbesserte und
erweiterte Ausgabe G (in Ep. 2022 entschuldigt sich Erasmus für diese neue
Auflage, p. 36, ll. 337-338: "Errorem agnosco, perfidiae crimen deprecor")
und im Jahre 1533 wiederum ein neuer, überarbeiteter Druck (H), cf. Ep.
2773. Im letzten Lebensjahr des Erasmus wurde die letzte autorisierte Edition
(I) herausgegeben; in diesem Druck gibt es nur geringfügige Zusätze.
    Es gibt ausser den genannten Ausgaben (s A-I) andere Editionen: 1514
erschienen zwei Nachdrucke der Aldina von 1508 in Ferrara und Tübingen
(cf. Ep. 269, n.ll. 119-120). Gryphius in Lyon hat das Gesamtwerk zweimal
nachgedruckt12 und Sessa in Venedig einmal.13 Eine Aldina von 1520
(= Froben C) ist für die Textgestaltung, wie die anderen in diesem Absatz
genannten Drucke, ohne Bedeutung.
    Die umfangreichen zeitkritischen Adagia 2201, 2601 und 3001 (Dulce
bellum inexpertis) wurden von Froben in Sonderausgaben publiziert.14
    Zwei wichtige spätere Drucke werden im Zusammenhang mit dem kriti-
schen Apparat zur Sprache kommen.

 II. Zu vorliegender Ausgabe

1. Zum Text

Die Vorlage dieser Textausgabe war die letzte autorisierte Edition I, in der
die Adagia zu ihrer endgültigen Erscheinungsform gelangten. Ich folge beim
Edieren dem Verfahren, das den Ausgaben ASD II, 4, 5 und 6 zugrunde
liegt. Das bedeutet, dass der Text im Wortlaut der Ausgabe I wiedergegeben
wird, und dass etwaige Fehler dieser Edition, wenn möglich, nach einer der
früheren Editionen d.h. A-H (mit der betreffenden Angabe im Apparat)
korrigiert werden. Denn während des Produktionsprozesses jeder neuen
Auflage gerieten ohne Erasmus' Schuld neue Fehler in den Text (nachdem
Erasmus frühere Fehler verbessert hatte): entweder blosse Druckfehler oder
Änderungen der Korrektoren, die häufig ihren eigenen Weg gingen, wie
Michael Benti(n)us, der in der Ausgabe von 1520 griechische Zitate nach
unzuverlässigen Drucken abgeändert hatte (cf. Ep. 1437, ll. 160-165; siehe
auch Adag. 139, n.l. 984). Diese Fehler, die man Erasmus nicht anrechnen
kann, werden berichtigt.
    Jeder neue Druck der Adagia wurde durch Nachträge erweitert: das
Siglum Α bezeichnet in dieser Ausgabe den Text der Aldina von 1508, das
Siglum Β die Zusätze in dem Frobendruck aus dem Jahre 1515, C die der
Ausgabe von 1517/1518 usw. Die ursprüngliche Fassung wurde meistens
mittels Einschiebung von Wörtern und Sätzen vermehrt, aber mitunter wird
eine Formulierung durch eine andere ersetzt. Das betreffende Textstück
behält dann das ursprüngliche Siglum und im Apparat steht die ersetzte
Fassung. Es kann sich z.B. um eine verbesserte Übersetzung des Griechischen
handeln: cf. Proleg. ll. 517-518, im Text:

 "[A] Ἀλλ᾿ ἶσος γὰρ ὁ μόχθος ἐπ᾿ ᾀόνι κύματα μετρεῖν, [B] id est
 Sed labor adsimilis metiri in littore fluctus."

Im Apparat: "Sed ... fluctus F-I: Sed aequalis enim labor in littore vndas
numerare B-E. "Wenn der Zusatz nur ein Wort umfasst, steht in der Regel
im Text kein Siglum; nur im Apparat wird es erwähnt: z.B. Adag. 47, ll. 472-
473, im Text: "[A] ad beatum Aurelium Augustinum scribens." Im Apparat:
"Aurelium C-I: om. A-B."
    Im allgemeinen bin ich hinsichtlich der Orthographie und der Interpunk-
tion den Grundregeln, wie sie in ASD I, 1, p. xix; stehen, gefolgt. Wie in
ASD II, 4, 5, 6 sind nicht nur wörtliche Zitate aus Erasmus' Quellen,
sondern auch - abweichend von der Regel - die lateinischen Übersetzungen
griechischer Zitate (oft von Erasmus selbst verfasst) kursiv gedruckt.
    Der Wiedergabe des griechischen Textes liegen folgende Hauptregeln
zugrunde. In der Regel sind Akzente, Spiritus und Iota subscripta ohne
Angabe im Apparat nach heutigem Brauch gesetzt: z.B. Adag. 43, l. 341, im
Text: "[A] πλανῷντο"; πλανῶντο A-I nicht im Apparat verzeichnet (aber
Adag. 2, l. 744, im Text: "[A] τὸν φίλον ἔτερον αὐτόν" und im Apparat: "αὐτὸν
scripsimus: αὑτὸν A-I."). Die Verwechslung von ο und ω und die itazistischen
Fehler sind durchweg mit Angabe im Apparat verbessert: z.B. Proleg. l. 628
im Text: "[A] λαγωῶν", im Apparat: "λαγωῶν scripsimus cum Ald. (1503):
λαγοῶν A-I." und Adag. 452, l. 186, im Text: "[B] πηνίκην", im Apparat:
"πηνίκην scripsimus: πηνήκην B-I." Wenn Erasmus fehlerhaftes Griechisch, das
aus seinen Quellen stammt, zitiert, wird dies beibehalten. Also Adag. 144, l.
101 "Τήιον" (statt Τηίων); l. 104 "εὑραμένων" (statt εὑρομένων), da die von
Erasmus herangezogene Aldina diese falschen Lesarten bietet.
    Ziemlich oft gibt Erasmus seine Quellenstelle an: die Art und Weise, auf
die er die betreffenden Stellen verzeichnet, entspricht nicht den heutigen
Normen der Vereinheitlichung und Genauigkeit. Man vergleiche: Adag. 37,
ll. 165-166: "[A] Columella libro De re rustica duodecimo, [G] capite primo"
und l. 179: "[A] Aulus Gellius lib. xiiii., cap. i."; Adag. 40, l. 227-228: "[A]
Plinius lib. viii., cap. li." und l. 229: "[A] Varro libro De re rustica secundo."
Siehe auch die folgenden Stellen Homers: Adag. 97, l. 484: "[A] Odysseae
Π" und l. 493 "[A] Odysseae ω"; Adag. 107, l. 177: "[A] Iliados ξ" und l.
183 "[H] Iliados Η". Aufgrund der Grundregel, den Text, wenn irgend
möglich, im Wortlaut der Ausgabe I darzubieten, wird dieser regellose
Wechsel beibehalten.
    In den kollationierten Drucken gibt es ziemlich häufig Abkürzungen. Im
allgemeinen werden im vorliegenden Text diese Kurzformen - ohne den
entsprechenden Vermerk in Apparat - durch Vollformen ersetzt: z.B. Adag.
405, l. 196 "[E] De republica" (de rep. E-H; de repub. I); Adag. 410, ll. 283-
284 "[A] Academicarum quaestionum" (Acade. quaest. A-E; Academic.
quaest. F-I) usw. Nicht immer jedoch ist die Auflösung eindeutig: z.B. Adag.
37, l. 179: "Aulus Gellius lib. xiiii., cap. i." kann heissen: Aulus Gellius libro
quarto decimo, capite primo, aber auch: Aulus Gellius libri quarti decimi,
capite primo (vgl. app. crit. Adag. 401, l. 4). In solchen Fällen wird die
Abkürzung beibehalten (wie die übliche Form 'cap.' für 'caput', 'capite'.).
    Vollständige Verszeilen, aber auch griechische Halbverse, die metrisch
übersetzt worden sind, werden auf eine eigene Zeile abgesetzt. Erasmus selbst
gibt in seinen Marginalien zu der Ausgabe F (von uns χ genannt, vide infra,
p. 12 sq.) Hinweise dazu: er schreibt z.B. in diesen Marginalien zu Adag. 30
(fo. 33): "Distingue versus." Es betrifft ein Zitat aus Euripides' Bacchae: cf.
Adag. 30, l. 949. In diesem Zusammenhang kann man bemerken, dass
Erasmus seine Übersetzungsarbeit bisweilen als eine schwere Aufgabe emp-
fand: "Quos versus, quoniam initio desperabamus commodius verti posse, ab
Argyropylo versos subiecimus" (Adag. 120, ll. 618-619) und "Quos equidem
versiculos haud grauarer Latinos facere, si quam sunt elegantes, tam essent
etiam verecundi" (Adag. 301, ll. 44-45). Zum Schluss: In Ep. 211 (ll. 64-67)
schreibt Erasmus, er übersetze die Verse Pindars und die Chorpartien nicht
metrisch: diese Zitate werden im vorliegenden Text wie Prosa fortlaufend
abgedruckt.

    2. Der apparatus criticus

Der apparatus criticus im Zusammenhang mit dem Text ermöglicht es dem
Leser jede von den autorisierten Ausgaben (A-I) zu rekonstruieren und die
Entwicklung der Adagia zu verfolgen. Neben den autorisierten Drucken
spielen auch andere Ausgaben eine Rolle im Apparat. Der Frobendruck s
(1513) erscheint folgendermassen im Apparat: wenn ein Fehler der Aldina
von 1508 in der Ausgabe s korrigiert ist, steht im Apparat corr. s: z.B. Adag.
400, l. 522: "In aqua B-I: in qua A, corr. s." Die Lesarten der Ausgabe s
werden nicht angeführt, wenn sie mit denen der Aldina übereinstimmen.
Bisweilen wird eine falsche Lesart aufgrund des zweiten Bandes der Opera
omnia
, die nach Erasmus' Tod 1540 erschienen, berichtigt.15 Cf. Adag. 196, l.
35: ὦ scripsimus cum BAS: ὡς A-I. Es handelt sich dann um eine in allen
betreffenden autorisierten Ausgaben verderbte Lesung. Ich ziehe diese Aus-
gabe nicht heran, wenn nur I, oder Η Ι gegen die früheren Drucke eine
falsche Lesart bieten (vergleiche jedoch: R. Kassel in seiner Rezension zu
ASD II, 5 und 616). Wie die Baseler Edition von 1540, bietet auch die
sogenannte Clericus-Edition von 1703-170617 neben neuen Fehlern einige
Verbesserungen und auch diese Ausgabe wird von mir benützt, cf. Adag. 101,
l. 30 Tydide scripsimus cum LB: Tytide A-I. In dieser Leidener Edition sind
die Animaduersiones in Erasmicas quorundam Adagiorum expositiones, die Henricus
Stephanus 1558 seiner Adagienausgabe im Anhang beigab, grossenteils als
Fussnoten zu den betreffenden Adagien abgedruckt. Diese Animaduersiones
enthalten u.a. Korrekturen zu den von Erasmus angeführten griechischen
Texten und zu Erasmus' Übersetzungen aus dem Griechischen. Der Apparat
zeigt den Niederschlag dieser Animaduersiones auf: Adag. 204, l. 322 γὰρ
suppleuimus cum Stephano: om. A-I.
    Die Schreibweise einer Anzahl der Wörter schwankt in den einzelnen
Editionen. Nicht Erasmus, sondern die Typographen bestimmen oft die
Schreibung: es gibt eine gewisse Konsistenz, wie nachstehende Beispiele
zeigen: Adag. 64, l. 706: aedere C-I: edere A B; Adag. 72, ll. 946-947: aede-
bant C-I: edebant A B; Adag. 89, l. 223: aeditissima C-I: editissima A B;
Adag. 180, l. 833: aedito C-I: edito A B; Adag. 429, l. 670: aedunt C-I:
edunt A B; l. 681 aedunt C-I: edunt B (aber l. 694 edere G-I) und Adag. 12,
l. 580: iritare E-I: irritare A-D; Adag. 60, l. 644, l. 645: iritare E-I: irritare
A-D; l. 646: iritabis E-I: irritabis A-D; l. 670 irites E-I: (om. A-D); Adag.
192, l. 991 iritare E-I: irritare A-D. Im Text behalte ich (der Grundregel
nach) in solchen Fällen die Schreibung der Ausgabe I bei; die orthographi-
schen Varianten des lateinischen Textes werden nicht im Apparat vermerkt,
wohl aber die wechselende Schreibung der Eigennamen: z.B. Proleg. l. 653
Phocione F-I: Phocyone A-E (mit Ausnahme der Varianten: Iupiter/Iuppi-
ter; Athenaeus/Atheneus; Rhoma/Roma; Rhomanus/Romanus; Gaza/Gaga
u.a). Auch orthographische Varianten des griechischen Textes werden wie in
den drei Bänden ASD II 4, 5, 6 im Apparat verzeichnet.
    Die Übersetzungen griechischer Zitate werden grundsätzlich durch die
Formel 'id est' eingeleitet. In der Ausgabe A fehlt diese Einleitungsformel
sehr oft und in den Ausgaben A-D findet sich häufig die Abkürzung 'i.' statt
'id est'. Ich erwähne im Apparat das Abwechseln von i. und id est nicht; nur
das Fehlen der Formel 'id est' (oder 'i.') in einer (oder mehr) der Ausgaben
C-I wird im Apparat berücksichtigt, da eine Häufung dieser Art: Adag. 2.1,1.
778: id est B D-I: om. A, i. C; l. 783: id est A B D-I: i. C; Adag. 2.ii, l. 791:
id est B E-I: om. A, i. C D; l. 793: id est A B E-I: i. C D; Adag. 2.iii, l. 800:
id est D-I: om. A B, i. C, den Apparat belastet und für die Textrekonstruk-
tion nicht sehr wichtig ist.
    In den Ausgaben D, E und G hat Erasmus Errata nachgetragen. Diese
Errata werden folgendermassen im Apparat erwähnt, z.B.: Adag. 426, ll. 611-
612: De oratore F-I: De oratione Ε in textu, corr. in Erratis.
    Die Marginalien, die im Druck in den Ausgaben Η I erschienen, stehen
nicht im Apparat; sie kommen, wie in ASD II, 4, 5, 6 nur in den beiden
Indices adagiorum vor. Es gibt Marginalien zweierlei Art: 1) das Titeladagium
in veränderter Form: z.B. in margine Η zum Adagium 199 (Non est eiusdem
et multa et opportuna dicere): "Multa dicere et op. n. e. e." (sic!) für "Multa
dicere et opportuna non est eiusdem"; 2) eine sprichwörtliche Redensart, die
nicht in einem eigenen Adagium behandelt worden, sondern innerhalb eines
Adagiums zur Sprache gekommen ist: z.B. zum Adagium 92 (Vti foro) steht
in margine H und I: "sub manu nasci". Der Index prouerbiorum secundum
ordinem alphabeti
war in den Ausgaben von 1528 (G) und 1533 (H) erweitert
worden; die Erscheinung der Marginalien in diesen Drucken hängt damit
zusammen.
    Neben diesen Marginalien gibt es Marginalien anderer Art: zwei Exem-
plare mit autographen Bemerkungen des Erasmus standen mir in Kopien18
zur Verfügung. Es handelt sich um ein Exemplar der Ausgabe von 1523 (E),
in dem Erasmus am Rande Zusätze und Änderungen, die grossenteils in die
Edition von 15 26 (F) übernommen wurden, schrieb.19> Dieser Band aus einer
Privatkollektion (π genannt) enthält Druckfehlerkorrekturen von Nicolaus
Cannius (Nicolaas Kan),20 Schüler des Erasmus, der das betreffende Buch von
Erasmus geschenkt bekam. Unten auf der zweiten Seite der Errata (vide
supra) findet sich folgende Inskription: "Sum nicolai Cannij ex liberalitate
praeceptoris mei Erasmi Rotterodami" (in Kursivschrift). Auch eine andere
Hand (in grösserer Kursivschrift als die des Cannius, cf. z.B. fo. 139) lässt
sich in den Marginalien erkennen. Diese ist jedoch noch nicht identifiziert
worden.
    Auch in einem Exemplar der Ausgabe von 1526 (F) finden sich autographe
Marginalien. Das betreffende Buch wird in der vatikanischen Bibliothek
aufbewahrt: der Vaticanus Chigianus R. VIII. 62 (= χ),21 der auch einst im
Besitz des Nicolaus Cannius war: "Cannius est dominus, sed magni munere
Erasmi" (Hexameter auf der Titelseite dieser Ausgabe, cf. Tocci, p. 12).
Neben Erasmus' autographen Zusätzen gibt es auch Verbesserungen von
Cannius u.a. Es mag klar sein, dass ich im allgemeinen diese Marginalien
unberücksichtigt lasse.
    Die Indizes der beiden Bände π und χ zeigen viele Verbesserungen und
Ergänzungen von Erasmus. Er hatte den Erweiterungen der Indizes der
Ausgaben G und H (vide supra, p. 11) in diesen autographen Bemerkungen
schon vorgearbeitet (zu den Indizes des Chigianus: Tocci, pp. 39-43).
    Ich verfahre mit den zwei genannten Ausgaben (π und χ) folgenderweise.
Im Apparat wird immer vermerkt welche Zusätze F bzw. G aus den
betreffenden Bänden stammen: z.B. Adag. 76, ll. 47-49 (Zusatz F): im
Apparat: Plutarchus ... sententiam F-I, addit π; Adag. 88, ll. 209-216 (Zusatz
G): im Apparat: Apud Strabonem ... accommodari G-I, addit χ. Die
Marginalien bieten bisweilen die bessere Lesart, der ich also folge: Adag. 379,
l. 293: constabit χ: constat G-I. Der Apparat verzeichnet alle Abweichungen
aus den autographen Marginalien im vollen Wortlaut, aber nicht immer sind
alle orthographischen Varianten erwähnt worden.22 Es gibt in meinem
'Pensum' drei längere Zusätze aus π, die nicht in die Edition F-I übernom-
men worden sind; siehe app. crit. zu Adag. 36, 68 und 487. Am Rande der
betreffenden Ausgabe F finden sich auch Hinweise von Erasmus für die
Typographen, wie: "distingue versus" (fo. 35, 40, 45, 122 usw. χ), "non est
Carmen" (fo. 42 χ) und Verweiszeichen (fo. 35, 46, 52, 56, 116 usw. χ). Auch
andere Bemerkungen wie: "non sunt versa" (fo. 113 χ), "Cuma in Asia
(durchgestrichen) vide Stephanum" (fo. 118 χ), "non est versus" (durch-
gestrichen, fo. 58 χ), "non versa" (durchgestrichen, fo. 125 χ), "idem habetur
683" (durchgestrichen fo. 173 χ), "de Cuma Asiae" (durchgestrichen, fo. 175
χ) finden sich dort (dazu: Tocci, pp. 36-38). Bemerkungen dieser Art habe
ich nicht in den Apparat, sondern im allgemeinen in den Kommentar
aufgenommen. Die Ausgabe π weist in dieser Hinsicht nicht viel auf: nur
vereinzelte Verweiszeichen: fo. 20, 23, 29; zu Adag. 259 (fo. 109) und zu
Adag. 445 (fo. 159), wo Erasmus längere Kommentare zu Alciatus einschob
(cf. Adag. 259, ll. 603-613 und Adag. 445, ll. 43-54 und ll. 57-63).

    3. Zum Kommentar

"Quum enim opus tam grande totum fere constet recensendis autoribus,
libris, capitibus, quis sit adeo felici memoria, vt statim numerum corruptum
deprehendat, aut quis tam ociosus taediiue patiens, vt singulas citationes
examinet ex ipsis autoribus?" (Ep. 1659, ll. 253-256).
    Dieser Ausspruch des Erasmus scheint auch im Zusammenhang mit dem
Kommentar sehr angebracht zu sein und wird hier von mir als 'captatio
beneuolentiae' angeführt, da die Verfassung des Kommentars, in dem die von
Erasmus benützten Quellen und bisweilen auch die von ihm verwendeten
Ausgaben nachgewiesen werden, eine anspruchsvolle Arbeit war.
    Erasmus konnte im Laufe der Zeit eine Vielzahl von Quellen für seine
Adagien heranziehen. Er sammelte die Sprichwörter aus den Werken grie-
chischer und lateinischer Autoren des Altertums, aber auch Werke humanis-
tischer Schriftsteller werden benützt (Hermolaus Barbarus, Politianus und
Beroaldus). Eine Fundgrube für die griechischen Adagien bilden die antiken
und Byzantinischen Sprichwörtersammlungen (vide infra), Grammatiker und
Lexicographen wie Suidas,23 Stephanus von Byzanz und Hesych. Erasmus
benützte die Schollen zu Theokrit, Aristophanes und Pindar, den Eustathius-
kommentar zu Homer und zog die lateinischen Kompilatoren Festus, Nonius
Marcellus, Varro und Gellius heran.
    Zumal den Sprichwörtersammlungen der sogenannten Paroemiographen
sollte man Aufmerksamkeit widmen: sie spielen eine wichtige Rolle bei
Erasmus' Sammeltätigkeit. Die Frage welche Sammlungen (gedruckt oder
handschriftlich) Erasmus zur Verfügung standen, lässt sich nicht so einfach
klären. Dank der Forschungsarbeiten der Herren Heinimann, Kienzle und
Bühler24 ist eine Rekonstruktion möglich. Die erste von Erasmus benützte
Sprichwörtersammlung ist unter dem Namen Diogenians überliefert. Es
handelt sich um eine Handschrift, die Erasmus schon 1500 in Paris zur
Verfügung stand.25 Erasmus verfügte 1508 in Venedig über zwei gedruckte
Sammlungen (Suidas nicht mitgerechnet), die einander sehr ähnlich sind: 1)
die Erstausgabe des Zenobius, Venedig 1497 bei Philippus Junta (Zenobius
vulgatus); 2) den sogenannten Zenobius Aldinus, eine anonyme Sammlung,
die von Aldus 1505 in einem Sammelband, der u.a. Aesop umfasst, abge-
druckt worden war.26 Erasmus benützte auch eine Handschrift, die fünf unter
den Namen Plutarchs überlieferte Sammlungen enthält. Janus Lascaris über-
gab ihm dieses Manuskript, das als der Codex Laurentianus 80, 13 identifiziert
worden ist.27 Die fünf Sammlungen enthalten vor allem Exzerpte aus der
ursprünglichen Zenobiussammlung, die Bühler schon zum Teil rekonstruiert
und herausgegeben hat. Auch stand Erasmus ein Manuskript mit der umfang-
reichen Sprichwörtersammlung des Apostolius von Byzanz (um 1470) zur
Verfügung. Das Manuskript enthielt nicht die Frühfassung dieser Sammlung,
sondern eine erweiterte Form.28
    Die Paroemiographen werden nach dem Corpus Paroemiographorum Graeco-
rum29
nachgewiesen, es sei denn, dass anders angegeben wird. Die anderen
Quellenstellen werden im Kommentar nach den heute massgebenden Ausga-
ben verzeichnet. Ich folge im Kommentar der Art und Weise, in der die
Stellen und etwaige Abweichungen der Lesungen in den Bänden ASD II, 4,
5, 6 verzeichnet sind. Nachstehende Beispiele mögen dies verdeutlichen. In
Adag. 293 (l. 339 sq.) führt Erasmus Sen. Benef. VII, 7, 3 an: "Iniuriam deo
sacrilegus etc." In den heutigen Ausgaben: "Iniuriam sacrilegus deo etc."
was folgendermassen verzeichnet wird: Sen. Benef. VII, 7, 3 (339 sacrilegus
deo). Wenn die Herkunft einer Abweichung irgendwie nachzuweisen ist, wird
dies im Kommentar notiert: Adag. 247, n.ll. 409-410: Hom. Od. I, 157 (411
πευθοίαθ᾿ οἱ ἄλλοι: πευθοίατο ἄλλοι v.l.); v.l. = varia lectio. Adag. 462, n.l.
443: Plin. Nat. II, 126 (447 et vicinus: vicinus edd. vett.), d.h. in den alten
Editionen - in dem betreffenden Fall die alten Venediger Ausgaben von 1483
bis 1507 des Plinius Naturalis historia - findet sich die in Kursivdruck
gegebene Lesart, die mit der des Erasmus übereinstimmt. Adag. 109, n.l. 206:
Hier. Epist. 22, 8 (207 duplex: duplex est codd.), d.h. die Lesart, der Erasmus
folgt (also in Kursiv), findet sich in den Codices. Wenn eine Lesart irgendwo
konjiziert ist, wird solches erwähnt: Adag. 213, n.l. 569: Plut. Cato min. 33, 7
(571 Αὖλον Xylander: Παῦλον codd.). An einigen Stellen habe ich die
vermutlich von Erasmus benützte Ausgabe angeführt: z.B. Adag. 95, n.l. 413:
Athen. III, 107 c (415 ἐποίησά τ᾿ αὐτὸ: ἐποιήσατ᾿ αὐτὸν ed. pr.), d.h. die
Erstausgabe des Athenaeus, Venedig 1514 bei Aldus. In der sogenannten
Versandliste, die vermutlich von Erasmus' Sekretär Gilbertus Cognatus im
August 1535, als Erasmus Freiburg verliess, geschrieben ist und von Fritz
Husner publiziert worden ist,30 Nr. 239: "Athenaeus graece Aldi".31 Ich
erhebe überhaupt keinen Anspruch auf Vollständigkeit: ich habe nur verein-
zelt die von Erasmus benützten Ausgaben nachgewiesen, hauptsächlich
ausgehend von den Angaben in den Bänden ASD II, 4, 5, 6.

III. Zur ersten Halbchiliade

Die erste Halbchiliade der Adagien wurde von Sir Roger Mynors in der
Reihe der Collected Works of Erasmus (CWE), die seit 1969 in Toronto
erscheint, kommentiert; sie war übersetzt worden von M. Mann Phillips. Ich
habe oft ihr Werk (CWE 31) herangezogen. Auch Mynors' Übersetzung der
Adagien 501-1000 (CWE 32) ist mir eine grosse Hilfe gewesen.

I. Die einleitenden Briefe

Erasmus versah seine Adagieneditionen mit Einleitungen. Für die erste
Ausgabe von 1508 schrieb er Brief 211,32 der in allen Editionen (A-I)
abgedruckt wurde. In der Frobenausgabe von 1515 (B) wurde Ep. 269
hinzugesetzt. Brief 269 wurde 1526 durch Ep. 1659, die sich nur in der
Ausgabe F findet, ersetzt. Auch Ep. 2022 erschien nur in einem Druck (G).
Nach Ep. 2022 wurde Brief 2023, der auch in den Editionen von 1533 (H)
und von 1536 (I) abgedruckt wurde, eingeschoben. Brief 2773 erschien in den
Ausgaben H und I und Ep. 3092 nur in I.
    Die Briefe unterscheiden sich was ihren Charakter betrifft: Ep. 211, Ep.
2023 und Ep. 3092 sind Widmungsbriefe; in den anderen erläutert Erasmus
sein Verfahren, verteidigt die aufeinanderfolgenden Editionen und versucht
die Originalität seines Werkes nachzuweisen (zumal Ep. 2773).
    Der hier vorgelegte Text der Briefe zeigt im Vergleich zu dem der Alien-
Edition nur geringfügige Abweichungen auf. Der apparatus criticus erwähnt
im Gegensatz zu dem der Adagia auch die orthographischen Varianten.

2. Die ' Prolegomena'

Erasmus schrieb für die erste Edition der Collectanea eine Vorrede (Ep. 126),
in der er, wie am Anfang meiner Einleitung schon ausgeführt wurde, mehrere
Erwägungen bezüglich der Adagien erörtert (den Nutzen, den die Kenntnis
der Adagia bringt; den Gebrauch der Adagia zur Verschönerung des Stils;
die Überzeugungskraft der Adagia usw.). Diese Themen kommen in den
schon genannten einleitenden Briefen (Ep. 211 usw.) nicht sehr ausführlich
zur Sprache: Erasmus behandelt sie in den sogenannten Prolegomena33 die seit
1508 in allen Editionen vor dem ersten Adagium abgedruckt wurden. Die
Prolegomena sind in 14 unnumerierte34 Kapitel aufgegliedert und handeln nicht
nur ausführlicher von den Fragen, die Erasmus in Ep. 126 zur Sprache
gebracht hatte, sondern geben auch Hinweise zum Gebrauch der Adagia. Den
Inhalt könnte man folgendermassen zusammenfassen: Kap. i-iv.: Definition
des Begriffes paroemia;35 Kap. v-x.: commendationes, die Empfehlungen: die
Sprichwörter sind wertvoll (commendatio a dignitate, a difficultate) und
nützlich (ad persuadendum, ad ornatum, ad intelligendos autores). Die
Ratschläge bezüglich der Verwendung der Sprichwörter schliessen sich in
Erasmus' Erörterung den commendationes an (Kap. xi-xii.). Kap. xiii.
handelt von den 'figurae prouerbiales' (was ist charakteristisch für eine
paroemia) und Kap. xiv. von gewissen Ausdrücken, womit eine paroemia
eingeleitet werden kann.
    Erasmus hat offenbar seine Prolegomena als ein wissenschaftliches Funda-
ment zu seinen Adagia beabsichtigt, wie man u.a. aus seiner Definition des
Begriffes paroemia schliessen kann (cf. Proleg, ll. 41-47).

3. Zu den Adagien 1-500

Es gibt in der ersten Halbchiliade einige auffallende Adagien, von denen Nr.
2 das erste ist. Adagium 2 enthält neben dem Sprichwort 'Amicitia aequalitas'
36 der sogenannten Symbola Pythagorae (Pythagoras zugeschriebene Aussa-
gen).36 Diese Symbola waren bei den Humanisten beliebt und wurden im 15.
Jahrhundert abgeschrieben und übersetzt. Das sehr umfangreiche zweite
Adagium setzt sich eigentlich aus 36 - meist sehr kurzen, teilweise aber auch
etwas längeren - Adagien zusammen. Es gibt kein anderes Adagium, das auf
diese Weise gebildet ist.
    Jede Centurie wird mit einem mehr oder weniger bedeutenden Adagium
eröffnet: Adag. 101 Diomedis et Glauci permutatio; Adag. 201 Aut regem aut
fatuum nasci oportere; Adag. 301 Non est cuiuslibet Corinthum appellere;
Adag. 401 Multa cadunt inter calicem supremaque labra. Von den hier
genannten Adagien ist besonders Adag. 201 interessant. Es erschien zum
ersten Mal in der Frobenedition von 1515 (B) und gehört zu den grossen,
zeitkritischen Adagia (vergleiche Adag. 2201 Sileni Alcibiadis; Adag. 2601
Scarabaeus aquilam quaerit). Weiter enthält die zweite Centurie das ziemlich
umfangreiche Adagium Δὶς διὰ πασῶν, in dem sich Erasmus achtsam auf das
Gebiet der Musiktheorie begibt. Es fällt übrigens auf, dass die erste Halbchi-
liade im Vergleich zu den übrigen Chiliaden die meisten umfangreichen (d.h.
mindestens eine Spalte in der Clericus-Edition) Adagien enthält, nämlich 31.37
    Ein interessantes Adagium unter diesen umfangreichen ist 'Quid cani et
balneo' (Nr. 339). In diesem Adagium ehrt Erasmus seinen Landsmann, den
Humanisten Rodolphus Agricola, und bringt das Verhältnis zwischen den
nördlichen und italienischen Humanisten zur Sprache.
    In der vorliegenden ersten Halbchiliade finden sich viele schon in den
Collectanea erwähnte Sprichwörter: mehr als 250.38 In der zweiten Halbchi-
liade gibt es gut 200 derartige Sprichwörter. Also wird mehr als die Hälfte
der Sprichwörter aus den Collectanea in der ersten Chiliade angeführt. Daraus
lässt sich folgern, dass Erasmus vermutlich die erste Chiliade schon vor
seinem Aufenthalt in Venedig angelegt hatte. Dass in dieser Halbchiliade
Diogenian, die Erstausgaben von Suidas (1499) und die Zenobiussammlun-
gen (1497 und 1505) von Erasmus benützt worden sind, mag auch darauf
hinweisen.39 Mit dem Thema der Anordnung der Adagien beschäftigt sich
Erasmus in Ep. 211 und in Adagium 2001,40 er leugnet aber die Existenz
einer Gliederung. Dank der Untersuchungen der Herren Heinimann, Kienzle
und Chomarat41 hat sich herausgestellt, dass es Anordnungen nach Thema
und nach alphabetischen Reihenfolgen gibt. Die Anordnung bestimmt sich
auch nach der Verfügbarkeit der Quellen.
    Chomarat (p. 762) führt als Beispiel einer Gliederung nach Thema die
Adagien 226-234 an: die in diesen Adagien behandelten Ausdrücke wie 'Ilias
malorum', 'Lerna malorum', usw. geben alle den Begriff 'Unmenge' wieder.
In den Adagien 249-254 wird 'Unsinnige Tätigkeit' meistens an Hand von
Metaphern aus dem Tierreich geschildert. Blindheit wird in den Adagien 255-
258 durch eine comparatio42 (Talpa caecior, caecior leberide usw.) anschaulich
gemacht. Auch kann man die lange Reihe (Adag. 342-400) der Adynata (was
unmöglich ist: Adag. 345 Vndas numeras) und der Anenyta (was vergebens
ist: Adag. 351 Arare littus), in denen neben den Tieren (Adag. 380: Asinum
tondes; Adag. 381 Lupi alas quaeris) besonders die Elemente Wasser, Luft,
Erde, Feuer von Belang sind, nicht übersehen. Es handelt sich in dieser
letzten Gruppe um Ausdrücke wie: Ignem dissecare (355); In aqua scribis
(356); Ventos colis (358); Ferrum natare doces (359) usw. Andere thematische
Adagiengruppen bilden Adag. 120-130 und Adag. 410-413 (in diesen Grup-
pen wird der Begriff 'Gleichheit' veranschaulicht) und Adag. 479-482 ('etwas
geschenkt bekommen') usw.
    Nach Chomarat43 hat Erasmus für seine Aldina von 1508 'un fichier
alphabétique' verwendet. Man kann in der Tat einige alphabetische Reihenfol-
gen wahrnehmen, aber oft ist die alphabetische Folge einigermassen ver-
schleiert. Man soll in diesem Zusammenhang nicht nur die Form des
Titeladagiums als massgebend erachten, sondern auch die griechische Fassung
des Adagiums und deren Übersetzung. Man kann sich auch denken, dass
Erasmus in seiner 'Kartothek' die Adagien nach Stichwörtern verzeichnete
und dass das Stichwort das zweite oder dritte Wort des Titels ist: z.B. 'Infixo
aculeo fugere' in der Α-Gruppe unter dem Lemma 'aculeo'. Am Anfang
unserer Halbchiliade kann man die Spuren einer Α-Reihe gewahren: 1
Amicorum (communia omnia); 2 Amicitia (aequalitas); 3 (Nemo bene impe-
rat, nisi qui paruerit imperio). Das wichtigste Wort in der griechischen
Fassung dieses Adagiums ist ἄρξειν. Vielleicht war dieses Adagium unter
ἄρξειν / ἄρχειν aufgelistet; 4 Adonidis (horti); 5 (Infixo) aculeo (fugere); 7
(Dodonaeum) aes; 13 (Duabus) ancoris (fultus); 14 Ἀκέφαλος μῦθος (sine
capite fabula). Vielleicht gehören auch die Adagia 17 (in arctum) und 18 (in
acie) noch zu dieser Gruppe. Es gibt auch eine unterbrochene C-Reihe: 19
(Res est in) cardine; 20 (Nouacula) in cotem; 21 Caliga; 22 Clematis; 37 Crassa;
38 Crassiore; 57 Capra; 58 Cornix; 59 Calidum; 82 Cornutam; 124 Cicada;
126 Cretensis; 127 Cretensis; 129 Cretiza; 130 Cum Care; 131 Cretensis; 136
Catastrophe; 137 Α capite; 138 Cursu; 144 Corycaeus; 146 Currentem; 147
Calcar, eine kurze M-Reihe (280-282), eine kurze P-Reihe (294-296) usw. In
der letzten Centurie unserer Halbchiliade liest man manche Adagia aus der A-
Reihe (414, 421, 424-425, 432-434, 441-443, 450, 453, 484-485, 488, 490-491,
496). Chomarat erwähnt eine F-Reihe für die Adagia 165 (Chomarat unrichtig
166) - 174 und eine Ex-Reihe für die Adagia 175-185.44 Erasmus hat offenbar
eine alfabetische Folge zu vermeiden versucht;45 sie ist aber dessenungeachtet
an einigen Stellen fassbar.
    Zum Schluss: Man beachte die Gestaltung der im Kommentar gegebenen
Hinweise. Innerhalb eines Adagiums erwähne ich nur die Zeile(n), z.B.:
Adag. 40, n.l. 215: Cf. n.ll. 258-262 (d.h. n.ll. 258-262 des Adagiums 40), aber
Adag. 41, n.ll. 271-273: Cf. Adag. 18, n.ll. 679-680. Auf die Briefe 211, 269,
1659, 2022, 2023, 2773 und 2093 weise ich nach vorliegendem Text (cf. pp.
21-44) hin; die anderen Briefe sind selbstverständlich nach Allen verzeichnet.
Im Kommentar erwähne ich innerhalb eines Brief nur die Zeile(n): z.B. Ep.
269, n.l. 122: Cf. n.ll. 119-120 (d.h. n.ll. 119-120 des Briefes 269), sonst
Briefnummer und Zeile: z.B. Ep. 269, n.l. 157: Cf. Ep. 211, n.l. 4. Den
Kommentar von Allen erwähne ich folgendermassen: Ep. 1659, n.ll. 265-266:
Allen, Ep. 1659, n.l. 28.

    Viele haben mir geholfen. Ihnen will ich dafür gerne Dank sagen. Es sei
gestattet einige von ihnen zu nennen. An erster Stelle danke ich Herrn Prof.
Dr. F. Heinimann, der mir mit grosser Freundlichkeit seine unerschöpflichen
Adagienkenntnisse für diese Ausgabe zur Verfügung stellte. Dadurch ist
dieser Band um ein wesentliches bereichert worden. Herr Dr. A. van Heck hat
den ganzen Text durchgesehen und vor manchen Fehlern bewahrt. Frau drs.
Johanna van de Roer-Meyers, Konservator der alten Drucke in der 'Gemeen-
tebibliotheek' von Rotterdam, stand mir mit Rat und Tat zur Seite. Jhr. W.
Alberda van Ekenstein hat das Deutsch meiner Texte korrigiert und gefeilt.
Auch die grosse Hilfsbereitschaft der Mitarbeiter im Sekretariat - im beson-
deren Herrn drs. G. Huijing - im Haag erwähne ich mit Dank. Mein
Ehemann Hans hat die Indizes zusammengestellt und viele Textverarbei-
tungsprobleme gelöst.

M.L. van Poll-van de Lisdonk



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